15.12.22
Tickets RAUM27, Live in Bremen in Bremen
Kingstar präsentiert:

RAUM27 Live in Bremen 15.12.22 in Bremen, Tower Musikclub

Donnerstag 15.12.22
Einlass: 19:00, Beginn: 20:00
Tower Musikclub, Herdentorsteinweg 7a, 28195 Bremen

Tickets – RAUM27 Bremen

PreiskategoriePreisAnzahl 
Stehplatz13,80 €

Informationen

                                 ZUSATZSHOW AUFGRUND DER GROßEN NACHFRAGE             

„Egal wie das hier losgeht, hören werdet ihr es nie, und wenn doch, sagen alle: Geile Kraftklub-Kopie.“ Wenn eine junge Band ihre Karriere und ihren allerersten Song mit diesen Worten lostritt, kann man es sich als mäßig witziger Musikjournalist auf der Suche nach einem knackigen Einstieg auch mal leicht machen – und das Ding einfach zitieren. Auch der Refrain von „Traurig aber ist so“ sollte an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben. Darin heißt es „Traurig aber ist so, wir sind zu alt für Musik / Traurig aber ist so, weil es das alles hier schon gibt.“ RAUM27 machen natürlich trotzdem weiter – oder besser: Sie fangen erst so richtig an. Tristan Stadtler (Texte und Gesang) und Mathis Schröder (Musik und alle Instrumente), die erst 2018 gemeinsam Abi machten, sind natürlich keine Zyniker, die ihr Schaffen schon ins Grab reden, bevor es überhaupt losgeht. Es ist eher norddeutscher „Humor halbtrocken“, in Verbindung mit einer gewissen Chuzpe und dem, was Tristan „Bockigkeit“ nennt. „Mathis und ich haben uns über den Musikunterricht und die Schulband angefreundet und irgendwann gemerkt, dass wir mehr machen wollten, als bloß ‚Seven Nation Army‘ zu covern. Immer wenn ich mit einer Text- Idee ankam, meinte Mathis so was wie: ‚Nee, das klingt voll nach Kraftklub-Rip-off.‘ Oder: ‚Nee, das ist zur sehr Henning May für Arme.‘ Ich bin dann immer wie so ein bockiges Kind nach Hause gelaufen und irgendwann habe ich ihm diesen Text hingeknallt, in dem ich einfach darüber schreibe, dass es mir scheißegal ist, nach wem das klingt und dass eh schon jeder Song mal so ähnlich geschrieben wurde.“ Trotz, oder gerade wegen dieser Erkenntnis klingen RAUM27 inzwischen sehr charismatisch und eigenständig. Tristan hat diese kehlige, mal betont grölende, mal sanft raspelnde Stimme, die eben weder Kummer noch May und auch nicht ganz Faber ist. Und Mathis kleidet diese Stimme und diese sehr guten Texte in Musik, die zwar Referenzen von Kraftklub über Provinz bis Von Wegen Lisbeth anklingen lässt, aber stets ihre ganz eigenen Haken schlägt.          

Dieser erste Song entstand im „Raum 27“ ihres Gymnasiums in Bremerhaven. Mathis erklärt: „Das war ein ziemlich hässlicher Standard-Schulraum, in dem so ein schrottiges Schlagzeug und ein paar andere Instrumente rumstanden. Weil ich einen Gitarrenkurs für Fünft- und Sechstklässler machte, hatte ich halt den Schlüssel dafür.“ Und Tristan ergänzt: „Wir haben da mehr Zeit verbracht als im eigentlichen Klassenzimmer, deshalb fanden wir den Bandnamen ganz passend.“ RAUM27 ist also keine Hommage an den tragischen, aber genialen „Club 27“, es sei denn, ein Hausmeister oder eine Musiklehrerin haben sich mit der Nummerierung einen Spaß erlaubt – das müsste man noch einmal recherchieren. Tristan erzählt: „Einige meinten auch, der Name sei so ein Rap-Ding – Raum zwei sieben – weil der Postleitzahlenraum von Bremerhaven mit 27 beginnt.“ Gefunden haben die beiden sich nach und nach während der gemeinsamen Schulzeit, wie Tristan erzählt: „Ich komme aus einem Dorf bei Bremerhaven und war anfangs immer so ein wenig der Außenseiter. Mathis war immer der Coole in der Schule mit all‘ den Friends, während ich wie ein Gespenst durch die Schulflure gehuscht bin. Irgendwann hat man mal im Musikunterricht 15 Punkte bekommen, wenn man einen Song auf dem Weihnachtskonzert spielt. Das habe ich dann mit Mathis gemacht.“ Danach sei Tristan „in der Schulband backen geblieben, in der Mathis sehr aktiv war. Dabei merkten wir irgendwann, dass wir eigenes Zeug machen wollten.“ Mathis war schon damals auf dem Weg zum Multiinstrumentalisten – seit jeher eines der liebsten Wörter im Musikjournalismus. Wo das herkommt? „Musik hat schon immer zu meinem Leben gehört. Ich habe in der Grundschule mit Schlagzeug angefangen, in der Sekundarstufe kamen Klavier und Gitarre dazu. Erst habe ich mir vieles über YouTube beigebracht, auch kurz mal Unterricht genommen, aber das nie so richtig durchgezogen. Es muss glaub ich bei jedem, der Musik machen möchte, so einen Knackpunkt geben, an dem man merkt: ‚Das mach ich jetzt nicht nur, weil die Eltern das wollen – das mach ich für mich, weil die Musik mich runterbringt und ich mich damit ausdrücken kann.‘“ Tristan wiederum kam eher über das Schreiben zum Singen und zur Musik: „Ich habe als Teenager unglaublich viel gelesen und Kurzgeschichten und Gedichte geschrieben. Das kam auf dem Dorf natürlich nicht so gut an: ein Junge, der Gedichte schreibt. Deshalb habe ich das eher für mich gemacht. Bis ich während dieser Schulband- Geschichte mal mein Gedichtbuch rausgeholt und versucht habe, die Dinger zu singen. Das kam irgendwie gut an, obwohl alle gemerkt haben: Junge, der Typ kann halt einfach nicht singen. Es waren zwar Töne da, und wohl das, was einige ‚Charisma in der Stimme‘ nennen, aber ich hatte so gar keine Ahnung, was ich da mache.“ Das hat sich mittlerweile geändert: „Ich habe in den letzten Jahren gefühlt viermal die Woche Gesangsunterricht genommen, weil ich dachte, ich müsste jetzt in zwei Jahren das nachholen, was andere in sechs schaffen.“                                       

Geschafft haben die beiden in den letzten Jahren einiges, und es ist eine große Freude, dem Wachsen dieser Band beim Streamingdienst des Vertrauens zuhören zu können. Mathis meint: „Unsere erste EP hat unser Musiklehrer maßgeblich produziert und mit aufgenommen und dann haben wir das einfach bei Spotify und Co. eingestellt. Wir haben nicht wirklich drüber nachgedacht, dass das Leute hören wollen.“ Wollten aber einige – und zwar nicht nur die aus der eigenen Schule. Was auch nicht wirklich wundert, wenn man die Songs von RAUM27 genau hört. Schon auf der EP zeigt sich eine erstaunliche stilistische Bandbreite, Mathis hat ein gutes Gespür für eingängige Melodien und jene Stellen im Song, in denen der Bandsound Druck braucht. Und Tristan punktet nicht nur mit seiner Stimme, sondern auch mit Texten, die ein erstaunliches Gespür für die deutsche Sprache vorweisen. Man höre nur „Hymnen vom Schlauchboot“, eine vertonte Kapitulation vor der Apokalypse der Schlagzeilen und der Erkenntnis, dass junge Menschen mit erwachendem politischen Bewusstsein, anscheinend die Welt auch nicht ändern werden können. Bei Tristan klingt das dann so: „Kopfzerbrechen tut weh / Da hör‘ ich lieber auf zu denken / Weil‘s nur noch um Ölfarben geht / Verlier‘ ich mich in Kriegskunst / Und während unser einst blauer Planet / Völlig erschöpft die Augen dreht / Leg‘ ich mir Käsegazastreifen auf‘s Brot / Und Kinder leiden Hungersnot/ Ich hab Friedenstaube Hände / Ich hab Angst vor der Kälte.“ Aber auch die gefühlvollen Stücke stehen ihnen: RAUM27 reißen mit der Pianoballade „Kammerflimmern“ kurz vor den Kitschklippen noch mal das Ruder rum und brauchen bei der zu spät unterbreiteten Liebeserklärung „Zu gern“ nur eine Akustikgitarre und Gesang. „Komm nie wieder“ und „Du bist das allerallerletzte für mich“ klang noch nie so traurig und romantisch und untoxisch wie in diesem Lied. Ihr bisher erfolgreichster Song „Oft Gesagt“ wiederum positioniert sich musikalisch und lyrisch auf halber Strecke zwischen Kraftklub und Deutschrap. Ob Tristan jemals dran gedacht hat, auf Englisch zu singen? Vor allem, weil Tristans Familie in Teilen englischsprachig ist? „Ich will das nicht ausschließen. Aber ich spiele sehr gerne mit der Sprache und versuche hintersinnige Zeilen zu finden, die nicht schon tausendmal gesungen wurde. Oder ich vermische Internet-Sprech mit Slang und doppeldeutigen Pointen – das geht eigentlich nur, wenn man eine Sprache wirklich verinnerlicht hat, und das würde ich mir im Englischen noch lange nicht zutrauen.“          

Den Pandemie-Winter nutzen RAUM27 nun um sich im Studio auszuprobieren, eine EP vorzubereiten und über das Jahr 2022 weitere Singles zu veröffentlichen. „Wir probieren gerade sozusagen ein paar Produzenten aus und schauen mal, mit wem wir gut zusammenarbeiten können“, sagt Mathis. Tristan ergänzt: „Wir haben jetzt mit einigen gearbeitet und können schon jetzt sagen, dass es mit allen ganz geil funktioniert hat. Uns ist da eher wichtig, dass man auf einer Wellenlänge liegt und auch abseits der Musik gut schnacken kann.“ Und, auch das ist Tristan wichtig: „Mathis bereitet unsere Songs im Arrangement meistens schon so weit vor, dass wir schon recht genau wissen, in welche Richtung es gehen soll. Die meisten Ideen sind schon in den Demos drin.“

Dass RAUM27 dabei auf einem guten Kurs sind und sich konsequent weiterentwickeln, zeigt die Anfang 2022 veröffentlichte Single „Das Klima wieder hin“. Darin geht es – man ahnt es bereits – um den Klimawandel. Aber wie bitte singt man über eine Katastrophe, die uns zwar mit sehr großer Sicherheit über den Jordan bringen wird, bei der aber selbst Journalismus, Aktivismus, Philosophie und schon gar nicht die Talkshow-Elite den richtigen Weg gefunden haben, so darüber zu reden, dass alle die Tragweite des Themas erkennen. Da bringt es nichts, sich zurücklehnen und zu sagen: „Gibt ja jetzt die Generation ‚Fridays For Future‘ und Team Greta – ich geh mal meinen SUV waschen.“ Tristan und Mathis scheitern daran nicht nur NICHT, sie hauen sogar einen veritablen Hit raus. „Wir fliegen preiswert mit „Ryanair“ nach Rotterdam / Um uns're Zukunft kümmern wir uns irgendwann / Und Schnippen uns're Kippen weg an Orten wo uns keiner kennt / Frag mich ist das meine Haltung oder nur ein Moment?“, singt Tristan in der ersten Strophe, mit dieser kernigen, rauen, sehr charismatischen Stimme, die perfekt zur feinen Ironie der Lyrics passt. Und dann dieser Refrain: „Das Klima wieder hin, / Gebe alles was ich hab‘ / Fange Anzufangen an / Jetzt oder irgendwann.“ Das klingt so leicht und clever – aber eigentlich ist alles drin: Die eigene Ratlosigkeit. Der Druck, mit dem Blick auf die Zukunft, das Problem eher heute als morgen angehen zu müssen. Das eigene permanente Scheitern am eigenen ökologischen Fußabdruck – der ja bekanntlich die Erfindung einer BP-Kampagne ist, also einer Firma, die ökologisch mehr Schaden anrichtet, als einzelne jemals verhindern könnten. Mathis erklärt: „Diese Gedankengänge waren uns von Anfang an bewusst – und haben die Musik, den Text und das Video beeinflusst. Es war uns ganz klar, dass wir da keine Fridays For Future-Clips und Slogans reinhauen oder Dinge, die man sich auf einer Mindmap zum Thema Nachhaltigkeit vorstellen kann.“ Man wolle eben „ungern Meinungen vorschreiben, sondern eher mit Ironie zum Nachdenken anregen.“                   

Leider bleibt am Ende eine Erkenntnis: Diese Musik muss nicht nur in die Playlist – sie muss auf die Bühnen! Nicht zuletzt da muss sich eine junge Band mit ihrem Sound beweisen: Auf den Festivalbühnen, in den kleinen und mittelgroßen Clubs und im Vorprogramm von befreundeten Acts, die schon ein paar tausend Fans weiter sind. Ob sie das Zeug dazu haben? Unbedingt. Das bestätigen nicht nur all die Klassenkameradinnen und - kameraden, die ihre frühen Auftritte zu sehen bekamen. Es gibt auch eine sehr schöne Anekdote, die ein guter Abschluss dieses Vorstellungstextes ist: Wir schreiben den 7. Oktober 2018. Der sehr gute Schweizer Songwriter Faber spielt im sehr guten Club Schlachthof Bremen. Mathis und Tristan stehen in der ersten Reihe. Faber ist gut gelaunt, witzelt mit dem Publikum, lässt Zwischenfragen zu, einmal läuft während der gute 45-minütigen Zugabe eine junge Frau auf die Bühne und will mit Faber „Wer nicht schwimmen kann, der taucht“ singen. Faber erlaubt es ihr. Mathis erzählt: „Man hat relativ schnell gemerkt, dass Faber recht interaktiv drauf war. Irgendwann nahm das so eine Spur an, wo man merkte, dass ihm das jetzt langsam zu viel wird. Dann kam von ihm die ironische Frage: ‚Hat sonst noch jemand was auf dem Herzen?‘ Tristan stand dabei direkt vor ihm vor der Bühne und sagte Faber, er wolle ihm gerne einen Song vorspielen. Mal direktes Feedback kriegen. Nach einem kurzen Hin und Her bat uns Faber dann tatsächlich auf die Bühne und stellte sich mit seinem Wein auf Tristans Platz ins Publikum. Die Band von ihm hatte eigentlich gerade Pause und war Backstage, aber als wir ‚Hymnen vom Schlauchboot‘ spielten, kamen sie plötzlich zurück, schauten uns erst zu und stiegen dann mit ein.“ Was für ein Moment – und trotzdem gibt Mathis zu: „Ich wäre vorher am liebsten rausgegangen. Ich dachte nur: ‚Scheiße, dass macht Tristan doch jetzt nicht wirklich?!‘ Aber ich weiß auch, dass ich mich das nie getraut hätte.“ Tristan lacht an dieser Stelle leise und gibt zu: „Ich glaube, ich habe den Vibe des Konzerts zu diesem Zeitpunkt völlig falsch eingeschätzt. Ich wäre voll cool damit gewesen, wenn Faber gesagt hätte: ‚Nee, lass mal. Bucht euch doch selbst einen Slot im Schlachthof und schaut, wie viele kommen.‘“ Am Ende grinsen beide und Tristan legt nach: „Das war ein Wahnsinnsabend. Ich muss dann immer an dieses Meme denken, wo die Mutter fragt: ‚Junge, wie war das Konzert?‘ Und der Junge sagt: ‚Mutti, ich WAR das Konzert.“

                   

Daniel Koch (Diffus Magazin, Musikexpress, Applause Magazin)